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24.02.2006
Terror in Samarra - Hintergründe und Täterüberlegungen
von Ralph Kutza
Der Irak steht am Rande des Bürgerkriegs. Bei der Frage nach den möglichen Tätern und Hintergründen prallen
einmal mehr die Ansichten westlicher Politiker und Medien mit denen entsprechender Repräsentanten des Nahen und Mittleren Osten zusammen
Am Vormittag des 23.02.06 berichtete dpa: „Extremisten hatten am Mittwoch in Samarra die Goldkuppel des auch als
«Goldene Moschee» bekannten Askari-Schreins weggesprengt. Im ganzen Land hatte dies wütende und empörte Proteste von Angehörigen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit ausgelöst. Die Kundgebungen waren zunehmend in
Gewalttaten gegen Sunniten übergegangen. Dutzende sunnitische Moscheen wurden in der Nacht im ganzen Land angegriffen und in Brand gesetzt. Acht Sunniten, darunter drei Geistliche, wurden getötet.“ Doch längst ist
die Zahl der bei Unruhen Getöteten (meist Sunniten) dreistellig. Spiegel online ergänzte abends: „Qaida-Terrorist Sarkawi facht die
Unruhen weiter an.“ Er betreibe „Hetze“. Tags zuvor hatte Spiegel online mit „Iran hetzt gegen USA und Israel“ getitelt. Denn
Irans Ajatollah Chamenei habe „Israel und die USA bezichtigt, hinter dem Anschlag auf eine der heiligsten Stätten der irakischen Schiiten zu stecken. Die Wurzeln des ´politischen Verbrechens´ könnten bei den
´Geheimdiensten der irakischen Besatzer und der Zionisten´ gefunden werden.“ Chamenei habe dies im iranischen Fernsehen weiter ausgeführt. „Die dominierenden Kräfte hätten unheilvolle Pläne, mit denen sie etwa die
Unsicherheit im Land vergrößern und religiöse Konflikte auslösen wollten.“ Und: „Es gibt definitiv einige Verschwörungen, um die Schiiten zu Anschlägen auf Moscheen und andere Einrichtungen zu verleiten, die von den
Sunniten verehrt werden.“ Dabei helfe jeder Schritt in diese Richtung den Feinden des Islam und verstoße gegen das islamische Recht, die Scharia. Ist diese Einschätzung, wie Spiegel online meint, lediglich gefährliche Hetze und Propaganda?
Oder ist obige Chamenei-Einschätzung keineswegs völlig absurd oder Ausdruck religiöser Verblendung?
Betrachten wir hierzu drei Vorfälle seit Ende 2002 etwas näher.
Am 9. Dezember 2002 vermeldete der australische Sydney Morning Herald unter Bezugnahme auf Sophie Claudet bzw. AFP aus Gaza Stadt Brisantes. Der Leiter der Internen Palästinensischen Sicherheit in Gaza City, Rashid Abu Shbak, habe erklärt, seine Sicherheitsdienste hätten einen israelischen Plot aufgedeckt. Israelische Agenten hätten vorgehabt, (fingierte) al-Qaida Zellen zu bilden und Palästinenser aus dem Gazastreifen hierfür zu rekrutieren. Über neun Monate hinweg hätte man acht solche Fälle näher untersucht. Es seien hierbei auch anwerbende e-Mails und Mobiltelefonate zurückverfolgt worden, die aus Deutschland und dem Libanon zu stammen schienen, doch in Wirklichkeit in Israel ihren Ursprung gehabt hätten. Abu Shbak habe schließlich drei Palästinenser verhaften lassen, elf weitere nicht, da sie ihn über den Plot informiert hätten. Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums habe die Vorwürfe als „lächerlich“ und eine „Art Propagandakampagne“ zurückgewiesen. Der damalige Palästinenserführer Arafat wiederum habe auf Anschuldigungen von Premier Scharon in Richtung der Existenz palästinensischer al-Qaida Zellen erklärt, dies sei „eine große, große, große Lüge um allgegenwärtige Angriffe und Verbrechen von ihm gegen unser Volk zu decken.“
Am 20. September 2005 meldete die Deutsche Welle: „Nach irakischen Angaben griff die britische Armee am Montagabend (19.9.200 5) ein Gefängnis in [der südirakischen Hafenstadt, Korrektur RK] Basra an und befreite zwei
Armeeangehörige. Ein Mitarbeiter des irakischen Innenministeriums erklärte, sechs Panzer der britischen Armee hätten die Mauern des Gefängnisses
eingerissen und die zuvor von irakischen Sicherheitskräften festgenommenen, verdeckt arbeitenden Soldaten befreit. Dutzende irakischer Häftlinge hätten die Gelegenheit zur Flucht genutzt.“ Das britische Verteidigungsministerium bestritt dies, die Soldaten seien vielmehr durch Verhandlungen frei gekommen. Was allerdings dann das Gefängnis von Basra dermaßen
vollständig ruiniert haben soll, erklärte dieses dünne Dementi nicht. Vielleicht deshalb gab das britische Militär später die Stürmung doch noch zu.
 http://www.twf.org/News/Y2005/0928-Basra1.jpg http://www.twf.org/News/Y2005/0928-Basra2.jpg http://www.twf.org/News/Y2005/0928-Basra3.jpg Drei Bilder der zivil verkleideten Soldaten und ihrer Ausrüstung
Der Gouverneur von Basra, Mohammed al-Waili, habe, so die DW weiter, das britische Befreiungsvorgehen als "barbarisch, grausam und unverantwortlich" bezeichnet. „Die Briten seien in dem Gefängnis festgehalten worden, weil sie
einen irakischen Polizisten erschossen und einen weiteren verletzt haben sollen. Die Polizei der Ölmetropole erklärte, die
beiden arabisch gekleideten Briten ´auf geheimer Mission´ seien festgenommen worden, nachdem sie zuvor Schüsse auf
irakische Polizisten abgefeuert hätten. Nach unbestätigten Berichten gehören sie einer Spezialeinheit an.“
Insbesondere deutschsprachige Berichte der Mainstream-Medien endeten hier und gingen nicht weiter in die Tiefe. Doch war der Vorfall in Wirklichkeit sogar noch wesentlich brisanter.
Nach einigen englischsprachigen Berichten soll es sich um zwei SAS-Angehörige gehandelt haben. Eine Erklärung des
Büros des schiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr, die in englischer Übersetzung von Juan Cole (Geschichtsprofessor an der University of Michigan) veröffentlicht worden sei, beleuchte tiefergehend den Hintergrund der Verhaftung der
beiden Soldaten, so Norman Griebel (www.freace.de), der Coles Erklärung wie folgt übersetzte:
„Zwei Soldaten der britischen Besatzungstruppen eröffneten in der Nähe eines religiösen Zentrums, das die Menschen in
Basra häufig besuchen, das Feuer auf Passanten, woraufhin Polizeistreifen zwei Personen in einem weißen Fahrzeug
verhafteten. Es stellte sich heraus, daß sie Briten waren und britische Besatzungstruppen schritten ein, um sie zu befreien.
Die Menschen Basras demonstrierten, um dies zu verhindern und die Besatzungskräfte reagierten, indem sie das Feuer
auf die Demonstranten eröffneten, wodurch viele von ihnen verletzt und getötet wurden. Zur Vergeltung verbrannten die
Anwohner zwei britische Panzer. Die zwei verhafteten Briten hatten Sprengstoff und Fernauslöser, als auch leichte und mittlere Waffen und weitere Ausrüstungsgegenstände bei sich.“
Griebel folgerte: „Auch wenn diese Erklärung sicherlich mit einer gewissen Skepsis zu betrachten ist, so deckt sich die
Beschreibung doch mit den bisherigen Berichten des Vorfalls. Sollten die beiden in ziviler Kleidung getarnten Soldaten -
auch dies bereits wieder ein Bruch der Genfer Konventionen - tatsächlich Sprengstoff und Fernauslöser bei sich gehabt
haben, so wäre dies zweifellos der entscheidende Beweis für die seitens des irakischen Widerstands immer wieder vorgebrachten Vorwürfe, die Besatzer selbst würden Bomben gegen die irakische Bevölkerung legen.“
Am 9. November 2005 erschütterten an drei Orten Explosionen die jordanische Hauptstadt Amman. Dutzende
Menschen wurden getötet und Hunderte verletzt. Im Radisson SAS Hotel wurden zahlreiche Gäste einer arabisch
-palästinensischen Hochzeit getötet. Es kamen aber auch mehrere Beamte der palästinensischen Autonomiebehörde ums
Leben, insbesondere Generalmajor Baschir Nafeh, der Chef des militärischen Geheimdienstes der Westbank, sowie Oberst Abed Allun, hochrangiger Offizier des Abwehrdienstes und Verbindungsoffizier zu internationalen
Geheimdiensten. Sie hatten sich mit saudischen und jordanischen Geheimdienstoffizieren getroffen, die kurz vor dem
Anschlag das Hotel verließen. Für eine angemessene Einschätzung dieses geheimdienstlichen Stelldicheins ist folgender Hintergrund zu beachten: Laut Seattle Times vom 12.11.05 kooperiere die amerikanische CIA mit dem jordanischen
Geheimdienst GID beim „Anti-Terrorkampf“ womöglich enger als mit dem israelischen Mossad. Unter den Toten in Amman befand sich auch Dr. Ghalib Abd-al-Mahdi, ein ranghoher irakischer Wirtschaftsbeamter
und Bruder des irakischen Vizepräsidenten Adil Abd-al-Mahdi. Zudem sollen drei chinesische Verteidigungsfachleute von Chinas National Defense University bei dem Anschlag getötet worden sein, CNN nannte diese allerdings schlicht „Studenten“.
Westliche Medien bezeichnen den Fall als völlig klar. Als Täter kämen ausschließlich al-Qaida Terroristen um al
-Sarkawi in Frage. Eine Muslima, deren Sprengstoffgürtel nicht explodiert sein und die sich danach gestellt haben soll,
diente Tage später der Verfestigung dieser Deutungsvariante, ohne daß es irgendwelche weitergehenden Erörterungen zu
dieser Frau gegeben hätte. Doch Tatortfotos vom Radisson SAS zeigten offensichtlich aufsprengte und herabhängende
Deckenbestandteile, was mit einer dort behaupteten Rucksackbombe eines Suizidtäters keineswegs erklärt werden kann. Weitgehend unbeachtet blieb in den hiesigen Mainstream-Medien, was am 10.11.05 in der Los Angeles Times stand:
„Amos N. Guiora, ein früher führender israelischer Anti-Terror-Offizieller, sagte in einem Telefoninterview mit der Times, daß Quellen in Israel auch ihm von den Evakuierungen vor den Angriffen berichtet hätten. ´Das bedeutet, daß es
hervorragende nachrichtendienstliche Erkenntnisse gab, daß diese Sache geschehen würde´, sagte Guiora, früher in
führender Position in den israelischen Verteidigungskräften, der jetzt dem Institut für globale Sicherheitsgesetze an der
Case Western University in Cleveland vorsteht. ´Die Frage, die beantwortet werden muß, ist, warum nicht die im Hotel arbeitenden Jordanier in ähnlicher Weise von dort weggebracht wurden.´ “
Die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz hatte zuvor ebenfalls am 10.11.05 geschrieben, daß jordanische
Polizeikräfte vor Ort gegenüber Reuters meinten, die Bombe sei vermutlich hinter einer „falschen Decke“ versteckt
gewesen. Außerdem betonten die Autoren Yoav Stern und Zohar Blumenkrantz, daß eine Reihe Israelis, die sich am Tattag im Radisson SAS aufgehalten hätte, von jordanischen Sicherheitskräften evakuiert worden wäre, bevor sich der
Bombenanschlag ereignet hätte. Und: Speziell das Radisson sei bei israelischen Touristen sehr beliebt. Stunden später wurde dies von Haaretz dementiert, wobei auffiel, daß nur noch Stern zeichnete: „Die Israelis wurden
von den jordanischen Sicherheitskräften erst nach den Attacken nach Israel zurückbegleitet – entgegen früheren Berichten.“ Doch wie der kanadische Wirtschaftsprofessor Michel Chossudovsky darlegte, folgte eine weitere überraschende Wende, denn wiederum beide Haaretz-Autoren gemeinsam dementierten am 11.11.05 das Dementi: „Ein israelisch
-arabischer Geschäftsmann war eines der Opfer der mehrfachen Zielen dienenden Terroranschläge, sagte das Außenministerium in Jerusalem am Donnerstag. Es wurde gesagt, daß auch zwei hochrangige palästinensische
Sicherheitskräfte unter den Toten seien. Es war noch unklar, ob es noch weitere israelische Opfer des Anschlags gab. (…) Viele Israelis wurden Stunden vor den Anschlägen aus einem der betroffenen Hotels, dem Radisson SAS,
evakuiert, offensichtlich auf Grund einer bestimmten Alarmmeldung.“
Möglicherweise kann aus obigen Beispielen ein unvoreingenommener Leser also schließen, daß es äußerst sinnvoll sein
könnte, auch die westliche Berichterstattung als für politische Propaganda massiv anfällig einzustufen, und nicht jede voreilige Schuld- bzw. Täterzuweisung (z.B. es war „die al-Qaida-Gruppe um al-Sarkawi“) unhinterfragt zu glauben.
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